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ZUVIKZuhause, viel Kinderlachen

Umzug in eine neue Stadt

Hannes ist zehn, als seine Familie aus der Eifel nach Frankfurt zieht und er seinen besten Freund zurücklässt. Über Abschied, Wut, einsame erste Wochen und das langsame Ankommen.

Hannes erfuhr es an einem Sonntag im März, beim Mittagessen. Seine Mutter Martina legte die Gabel hin, sah seinen Vater an, dann ihn und seine kleine Schwester Pia, und sagte: „Wir müssen euch etwas erzählen. Wir ziehen im Sommer nach Frankfurt.“

Pia, sechs Jahre alt, fragte sofort, ob es in Frankfurt einen Zoo gebe. Hannes, zehn, sagte gar nichts. Er stand auf, ging in sein Zimmer und schloss die Tür. Durch das Fenster sah er den Bach hinter dem Haus, die Weide mit den Kühen von Bauer Schmitz und den Fußballplatz am Ortsrand, wo er jeden Dienstag und Donnerstag mit seiner Mannschaft trainierte.

Er hatte sein ganzes Leben in diesem Dorf in der Eifel verbracht. Er kannte jeden Weg, jeden Baum, jeden Hund. Und er hatte nicht vor, irgendwo anders zu wohnen.

Warum

Martina hatte eine Stelle als Ingenieurin bei einem Unternehmen in Frankfurt bekommen, eine Stelle, auf die sie lange hingearbeitet hatte. Die Firma, in der sie bisher in der Kreisstadt gearbeitet hatte, schloss zum Jahresende. Hannes' Vater Thomas war Schreiner und hatte in Frankfurt eine Werkstatt gefunden, die ihn einstellen wollte. Es war eine vernünftige Entscheidung. Aber für Hannes fühlte sie sich an wie ein Urteil.

Am Abend kam Thomas zu ihm ins Zimmer und setzte sich auf den Boden neben das Bett. „Du bist sauer“, stellte er fest.

„Ihr habt mich nicht mal gefragt“, sagte Hannes.

Thomas nickte langsam. „Das stimmt. Die Entscheidung mussten Mama und ich treffen, weil es um unsere Arbeit geht. Das ist manchmal so, dass Eltern Dinge entscheiden müssen, die auch die Kinder betreffen.“ Er machte eine Pause. „Aber du darfst wütend darüber sein. Und du darfst traurig sein. Und wir hören dir zu.“

Hannes drehte sich zur Wand. Aber er schickte seinen Vater nicht hinaus.

Die Wochen vor dem Umzug

In den Monaten bis zum Sommer war Hannes oft wütend. Er stritt sich mit Pia, die sich auf Frankfurt freute, weil es dort einen Zoo gab. Er stritt sich mit seinen Eltern über Kleinigkeiten. Und er verbrachte jede freie Minute mit seinem besten Freund Felix, mit dem er seit dem Kindergarten befreundet war. Sie bauten Staudämme im Bach, spielten Fußball, bis es dunkel wurde, und redeten nicht über den Umzug.

Martina und Thomas versuchten, Hannes einzubeziehen, wo es ging. An einem Wochenende im Mai fuhren sie gemeinsam nach Frankfurt und schauten sich die Wohnung an, die sie gemietet hatten: vier Zimmer im dritten Stock eines Altbaus in Bornheim, mit Balkon und Blick auf einen Hinterhof mit einer großen Kastanie. Hannes durfte sich sein Zimmer aussuchen und die Wandfarbe bestimmen. Er wählte Dunkelgrün, wie die Wälder in der Eifel.

Sie liefen durch das Viertel, fanden einen Bäcker, einen Spielplatz, einen Park. Und Thomas hatte im Internet einen Fußballverein in der Nähe gefunden, bei dem sie am Samstagmorgen beim Training der U11 zuschauen durften. Der Trainer, ein großer Mann mit grauem Bart, gab Hannes die Hand und sagte: „Wenn du im Sommer kommst, bist du herzlich willkommen.“ Hannes nickte, ohne zu lächeln. Aber auf der Rückfahrt fragte er, auf welcher Position die Mannschaft noch jemanden brauchte.

Der Abschied

Eine Woche vor dem Umzug feierte die Familie ein Abschiedsfest im Garten. Die Nachbarn kamen, die Freunde aus der Schule, die Mannschaft aus dem Fußballverein. Bauer Schmitz brachte einen Kasten Apfelsaft. Felix' Mutter hatte einen Kuchen gebacken, auf dem mit Zuckerguss „Bis bald, Hannes“ stand.

Hannes hatte sich vor dem Fest gefürchtet. Aber es wurde schön. Seine Mannschaft schenkte ihm ein Trikot, auf dem alle unterschrieben hatten. Seine Lehrerin gab ihm ein Heft, in das jedes Kind aus der Klasse etwas geschrieben oder gemalt hatte. Und Felix gab ihm ein kleines Paket, das er erst in Frankfurt öffnen sollte.

Am letzten Abend saßen Hannes und Felix am Bach, die Füße im kalten Wasser. „Wir können ja telefonieren“, sagte Felix. „Und schreiben. Und in den Ferien kommst du her.“ Hannes nickte. Beide wussten, dass es nicht dasselbe sein würde. Keiner sagte es.

Die ersten Wochen

Die ersten Wochen in Frankfurt waren schwer. Die Wohnung roch fremd, die Straßen waren laut, und nachts hörte Hannes die Straßenbahn statt der Grillen. Die Schule begann nach den Sommerferien, und Hannes war der Neue in einer Klasse, in der sich alle schon seit vier Jahren kannten. In der ersten Pause stand er allein am Rand des Schulhofs. In der zweiten auch.

Zu Hause öffnete er Felix' Paket. Darin war ein Stein aus dem Bach, glatt und grau, mit einem weißen Streifen in der Mitte, und ein Zettel: „Damit du den Bach nicht vergisst.“ Hannes legte den Stein auf seinen Nachttisch. Am Abend weinte er zum ersten Mal seit dem Umzug, und Martina saß lange an seinem Bett.

„Es ist okay, dass es wehtut“, sagte sie. „Das zeigt, wie wichtig dir zu Hause war. Und irgendwann wird das hier auch ein Zuhause. Nicht sofort. Aber irgendwann.“

Pia dagegen hatte nach drei Tagen eine beste Freundin, ein Mädchen aus dem Haus gegenüber, das genauso gern Pferde malte wie sie. Hannes fand das ungerecht.

Das erste Training

Am zweiten Dienstag nach den Ferien ging Hannes zum ersten Mal zum Training des Fußballvereins. Er hatte die ganze Woche Bauchschmerzen deswegen gehabt. Er zog das Trikot seiner alten Mannschaft an, mit den Unterschriften darauf, als eine Art Rüstung.

Das Training war anders als in der Eifel. Der Platz war aus Kunstrasen, die Jungen waren schneller und lauter, und Hannes kannte keinen Namen. Aber als er beim Abschlussspiel einen Pass in die Tiefe spielte, aus dem ein Tor wurde, klatschte ihn ein Junge mit Locken und Zahnspange ab. „Krasser Pass“, sagte der Junge. „Ich bin Tarik. Du bist doch der Neue in der 5c, oder? Ich bin in der 5a.“

Auf dem Heimweg erzählte Hannes seinem Vater zum ersten Mal seit Wochen etwas, ohne gefragt zu werden. Über Tarik, über das Tor, über den Trainer mit dem grauen Bart, der gesagt hatte, er habe „ein gutes Auge“.

Zwei Zuhause

Es dauerte noch Monate, bis Hannes sich wirklich angekommen fühlte. Tarik wurde sein Freund, und über Tarik lernte er andere Kinder kennen. In der Klasse fand er Anschluss, als die Lehrerin ihn bat, im Erdkundeunterricht von der Eifel zu erzählen, von den Maaren und den erloschenen Vulkanen, und plötzlich wollten alle wissen, ob er schon einmal in einem Vulkan gestanden habe. (Hatte er, sozusagen.)

Mit Felix telefonierte er jeden Sonntag, und in den Herbstferien fuhr er für eine Woche zurück ins Dorf und schlief bei Felix. Es war schön und seltsam zugleich. Der Bach war noch da, die Kühe auch. Aber Felix hatte jetzt neue Freunde in der Mannschaft, und Hannes erzählte von Frankfurt, von der Straßenbahn und von Tarik, und merkte, dass er sich auf die Rückfahrt freute.

Als er wieder in Frankfurt war, stellte er Felix' Stein auf das Fensterbrett in seinem dunkelgrünen Zimmer, von wo aus man die Kastanie im Hinterhof sah. „Ich hab jetzt zwei Zuhause“, sagte er zu seiner Mutter. „Ist das komisch?“

„Nein“, sagte Martina. „Das ist ein Glück.“

Für euren Alltag

Ein Umzug in eine neue Stadt bedeutet für Kinder oft den Verlust von Freunden, vertrauten Orten und Routinen. Wut, Trauer und Rückzug sind normale Reaktionen. Kinder brauchen Zeit, Verständnis und Möglichkeiten, Abschied zu nehmen und Neues zu entdecken. Was Hannes' Familie geholfen hat:

  • Früh und ehrlich informieren. Kinder sollten rechtzeitig erfahren, warum die Familie umzieht, damit sie sich darauf einstellen können.
  • Gefühle zulassen. Wut und Trauer über einen Umzug sind berechtigt. Kinder brauchen das Gefühl, dass sie diese Gefühle zeigen dürfen und gehört werden.
  • Kinder mitentscheiden lassen, wo es geht. Das eigene Zimmer aussuchen, die Wandfarbe wählen oder Freizeitangebote anschauen gibt Kindern ein Stück Kontrolle zurück.
  • Bewusst Abschied nehmen. Ein Abschiedsfest, Erinnerungsstücke und Zeit mit den besten Freunden helfen, den Wechsel zu verarbeiten.
  • Vertrautes mitnehmen. Ein Hobby wie Fußball, ein Instrument oder ein Verein können am neuen Ort eine Brücke zu neuen Freundschaften sein.
  • Kontakt zu alten Freunden halten. Telefonate, Briefe und Besuche in den Ferien helfen, den Abschied nicht als endgültig zu erleben.
  • Geduld haben. Das Ankommen kann Monate dauern, und Geschwister brauchen oft unterschiedlich lange.

Zum Gespräch mit euren Kindern

  • Was würdest du am meisten vermissen, wenn wir umziehen würden?
  • Was könnte dir helfen, an einem neuen Ort Freunde zu finden?
  • Was würdest du von deinem jetzigen Zuhause unbedingt mitnehmen?
  • Kann man zwei Zuhause haben? Was macht einen Ort zu einem Zuhause?

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