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ZUVIKZuhause, viel Kinderlachen

Das erste Smartphone

Noor kommt in die fünfte Klasse und bekommt ihr erstes Handy – mit Vertrag. Dann lässt sie ein Kettenbrief nachts nicht schlafen. Über Smartphone-Regeln, Absprachen und Vertrauen.

„Alle haben eins“, sagte Noor. „Wirklich alle. Außer mir und Leander, und Leander zählt nicht, weil seine Eltern gegen alles sind.“

Es war der letzte Sommer vor der fünften Klasse. Noor, zehn Jahre alt, würde nach den Ferien aufs Gymnasium wechseln, mit dem Bus fahren statt zu Fuß zur Grundschule zu gehen, und sie war fest davon überzeugt, dass sie ohne Smartphone dort keine Freunde finden würde. Sie stand in der Küche der Wohnung in Augsburg, die Arme verschränkt, und sah ihre Eltern an, als wären sie die letzten Menschen auf der Welt, die das nicht verstanden.

Ihr Vater Karim, Lehrer an einer Berufsschule, seufzte. Ihre Mutter Julia, die als Grafikdesignerin von zu Hause arbeitete, sah von ihrem Laptop auf. Sie hatten dieses Gespräch schon oft geführt. Bisher hatten sie immer gesagt: später. Jetzt war später.

Was die Eltern fürchten

Am Abend, nachdem Noor im Bett war, saßen Karim und Julia auf dem Balkon und redeten. Julia hatte Bedenken. Sie hatte gelesen, wie viel Zeit Kinder mit Smartphones verbrachten, sie hatte von Gruppenchats gehört, in denen Kinder gemobbt wurden, von Videos, die kein Zehnjähriges sehen sollte, und von Fremden, die Kinder über Spiele kontaktierten. „Sie ist doch noch so klein“, sagte sie.

Karim verstand die Sorgen. Er sah in seiner Berufsschule täglich Jugendliche, die kaum noch von ihrem Handy aufsahen. Aber er sah auch etwas anderes. „Wenn wir es ihr ganz verbieten, lernt sie nicht, damit umzugehen“, sagte er. „Dann bekommt sie mit dreizehn eins und hat keine Ahnung. Ich hätte es lieber, sie lernt es jetzt, solange wir noch dabei sind.“

Sie entschieden sich für ein Smartphone. Aber nicht einfach so. Sie wollten vorher mit Noor gemeinsam festlegen, wie es benutzt werden sollte.

Der Vertrag

Julia fand im Internet Vorlagen für einen sogenannten Mediennutzungsvertrag, etwa bei der EU-Initiative klicksafe. Darin konnten Eltern und Kinder gemeinsam Regeln festlegen, und zwar nicht nur Pflichten für die Kinder, sondern auch für die Eltern. Sie druckten eine Vorlage aus, setzten sich an einem Sonntagnachmittag mit Noor an den Küchentisch und gingen sie Punkt für Punkt durch.

Es war eine lange Verhandlung. Noor wollte drei Stunden Bildschirmzeit am Tag, die Eltern eine. Sie einigten sich auf eine Stunde an Schultagen, zwei am Wochenende, Hausaufgaben und Anrufe bei Oma nicht mitgezählt. Das Handy würde nachts in der Küche aufgeladen, nicht im Kinderzimmer. Beim Essen lagen alle Handys in einem Korb auf der Anrichte, auch die der Eltern. Diese Regel hatte Noor vorgeschlagen, mit einem triumphierenden Blick auf ihren Vater, der beim Abendessen gern Fußballergebnisse checkte.

Über Apps wurde besonders lange gesprochen. Die Eltern richteten Jugendschutzeinstellungen ein, und neue Apps durfte Noor nur gemeinsam mit ihnen installieren. Sie erklärten ihr, dass viele soziale Netzwerke und Messenger ein Mindestalter haben, das sie noch nicht erreicht hatte, und dass Fotos, die man einmal verschickt, nie wieder ganz zurückzuholen sind. Fotos von anderen Kindern durfte sie nur mit deren Erlaubnis weiterschicken.

Und dann kam der Punkt, den Karim am wichtigsten fand. Er schrieb ihn selbst in den Vertrag, mit dickem Stift: „Wenn Noor etwas sieht oder bekommt, das ihr Angst macht, sie verwirrt oder komisch vorkommt, darf sie immer zu uns kommen. Sie bekommt dafür keinen Ärger und ihr Handy wird ihr nicht weggenommen.“

„Wirklich nicht?“, fragte Noor misstrauisch. „Auch nicht, wenn ich was falsch gemacht hab?“

„Wirklich nicht“, sagte Karim. „Wir können dann zusammen überlegen, was wir machen. Aber nur, wenn du es uns erzählst.“

Alle drei unterschrieben. Der Vertrag kam an die Pinnwand in der Küche.

Die ersten Wochen

Das Smartphone war ein gebrauchtes Gerät von Julias Schwester, mit einer Hülle, auf der ein Fuchs abgebildet war. Noor liebte es vom ersten Moment an. Sie richtete sich ein Hintergrundbild ein, fotografierte jeden Tag die Katze der Nachbarn und schrieb ihrer Oma in Damaskus lange Nachrichten mit vielen Herzen, was Oma Samira zu Tränen rührte.

Nicht alles lief nach Vertrag. In der zweiten Woche fand Julia das Handy um halb elf abends unter Noors Kopfkissen. Statt eines Streits gab es ein Gespräch, und Noor durfte das Handy einen Tag lang nur für Anrufe benutzen, so wie es im Vertrag vereinbart war. Und Karim wurde zweimal beim Abendessen von Noor ertappt, wie er heimlich unter dem Tisch auf sein Handy schaute. Er musste daraufhin, wie im Vertrag festgelegt, den Abwasch allein machen.

In der Schule merkte Noor, dass das Smartphone weniger veränderte, als sie gedacht hatte. Die anderen Kinder waren nicht plötzlich ihre Freunde, nur weil sie jetzt auch eins hatte. Ihre Freundin fand sie in der Theater-AG, wo sie mit einem Mädchen namens Emilia über ein Buch ins Gespräch kam.

Die Nachricht in der Nacht

Im November, an einem Dienstagabend, bekam Noor eine Nachricht von einer Nummer, die sie nicht kannte, über einen Klassenchat weitergeleitet. Es war ein Bild von einer Puppe mit leeren Augen und darunter ein langer Text: Wer diese Nachricht nicht an zwanzig Leute weiterschickt, bei dem steht um Mitternacht jemand am Bett. Es gab sogar eine Geschichte von einem Mädchen, dem das angeblich passiert war.

Noor las die Nachricht in der Küche, kurz bevor sie das Handy zum Laden hinlegen musste. Sie wurde blass. Sie überlegte, die Nachricht weiterzuschicken, nur um sicherzugehen. Aber sie wusste, dass das gemein wäre, weil dann zwanzig andere Kinder auch Angst bekommen würden. Sie legte das Handy hin und ging ins Bett. Und lag da, mit offenen Augen, und lauschte auf jedes Geräusch.

Um elf Uhr stand sie wieder auf und ging zu ihren Eltern ins Wohnzimmer, das Gesicht verweint. „Ich muss euch was zeigen“, sagte sie. „Aber ihr habt gesagt, ich krieg keinen Ärger.“

Was dann geschah

Karim las die Nachricht. Er legte das Handy weg und nahm Noor in den Arm. „Das war richtig, dass du zu uns gekommen bist“, sagte er. „Genau dafür haben wir das abgemacht.“

Julia erklärte ihr, was ein Kettenbrief ist. Dass jemand sich so etwas ausdenkt, um Angst zu machen, und dass die Geschichten darin erfunden sind. Dass niemand kommen würde, weder um Mitternacht noch zu irgendeiner anderen Zeit. Dass es richtig gewesen war, die Nachricht nicht weiterzuschicken. „Du hast die Kette unterbrochen“, sagte Julia. „Damit hast du zwanzig Kinder davor bewahrt, heute Nacht Angst zu haben.“

Sie löschten die Nachricht gemeinsam. Noor durfte in dieser Nacht im Bett ihrer Eltern schlafen. Und am nächsten Tag schrieb Julia der Klassenlehrerin, die das Thema in der Klasse ansprach, ohne zu sagen, von wem der Hinweis kam. Es stellte sich heraus, dass fünf andere Kinder dieselbe Nachricht bekommen und nicht geschlafen hatten. Zwei hatten sie weitergeschickt. Keines hatte es seinen Eltern erzählt.

Als Noor das hörte, war sie still. Dann sagte sie: „Vielleicht hatten die keinen Vertrag.“

Für euren Alltag

Das erste Smartphone ist für viele Kinder ein großer Schritt – und für Eltern oft mit Sorgen verbunden. Ein komplettes Verbot schützt Kinder auf Dauer nicht, weil sie den Umgang irgendwann ohnehin lernen müssen. Klare Absprachen, technische Schutzmaßnahmen und vor allem Vertrauen helfen mehr. Was Noors Familie geholfen hat:

  • Gemeinsam Regeln festlegen. Ein Mediennutzungsvertrag, für den es im Internet kostenlose Vorlagen gibt, macht Absprachen verbindlich. Wenn die Kinder mitverhandeln, akzeptieren sie die Regeln eher.
  • Auch für Eltern Regeln aufstellen. Kinder nehmen Regeln ernster, wenn Erwachsene sich ebenfalls daran halten, zum Beispiel beim Handyverbot am Esstisch.
  • Das Handy nachts außerhalb des Kinderzimmers laden. Das schützt den Schlaf und verhindert heimliches Surfen.
  • Jugendschutzeinstellungen nutzen. Altersfreigaben, Zeitlimits und die gemeinsame Installation neuer Apps geben Kindern einen geschützten Rahmen.
  • Über Gefahren sprechen, ohne Angst zu machen. Kettenbriefe, Fremde in Chats, Fotos ohne Erlaubnis: Kinder sollten wissen, was ihnen begegnen kann, und dass sie damit nicht allein sind.
  • Versprechen, dass Ehrlichkeit keinen Ärger bringt. Kinder erzählen nur dann von unangenehmen Erlebnissen, wenn sie nicht fürchten müssen, dass ihnen das Handy weggenommen wird.

Zum Gespräch mit euren Kindern

  • Wofür möchtest du ein Smartphone benutzen, und wofür lieber nicht?
  • Welche Regeln findest du sinnvoll, und welche sollten auch für uns Eltern gelten?
  • Was würdest du tun, wenn du eine Nachricht bekommst, die dir Angst macht?
  • Warum ist es wichtig, Fotos von anderen nur mit ihrer Erlaubnis weiterzuschicken?

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