Sommerferien ohne Programm
Alle verreisen, nur Elif und Can bleiben diesen Sommer in Nürnberg, weil das Geld knapp ist. Eine Geschichte über Enttäuschung, Ferien zu Hause und die Freiheit eines Sommers ohne Plan.
„Lea fliegt nach Mallorca“, sagte Elif am letzten Schultag vor den Sommerferien. „Jonas fährt nach Dänemark. Und Mia geht auf einen Reiterhof in Bayern, zwei ganze Wochen.“ Sie warf ihren Ranzen in die Ecke des Flurs. „Und wir machen gar nichts.“
Ihre Mutter Nadine stand in der Küche der Wohnung in Nürnberg-Gostenhof und schälte Kartoffeln. Sie hatte sich vor diesem Moment gefürchtet. Im Mai hatte das Auto der Familie den Geist aufgegeben, die Reparatur hätte mehr gekostet, als der Wagen noch wert war, und das Geld, das für den Urlaub an der Nordsee gespart war, war in einen gebrauchten Kombi geflossen. Ihr Mann Murat arbeitete als Lagerleiter bei einer Spedition und hatte zwar drei Wochen Urlaub, aber für eine Reise reichte es dieses Jahr nicht.
„Wir machen nicht gar nichts“, sagte Nadine. „Wir machen Ferien zu Hause.“
Elif verdrehte die Augen. Sie war zehn und wusste genau, was das bedeutete.
Sechs Wochen
Der kleine Can, sieben, nahm die Nachricht gelassener. Er fragte nur: „Kann ich dann jeden Tag ins Freibad?“ Aber Elif blieb verstimmt. Sie schmollte die ersten beiden Ferientage, lag auf ihrem Bett, las Comics, die sie schon kannte, und schickte ihren Freundinnen Nachrichten, auf die nur selten jemand antwortete, weil alle irgendwo am Strand oder auf der Autobahn waren.
Nadine arbeitete in den ersten drei Ferienwochen halbtags als Verwaltungsangestellte in einer Arztpraxis; danach hatte sie Urlaub, und Murat übernahm seine drei Wochen. Für die Vormittage hatten sie die Kinder im städtischen Ferienprogramm angemeldet, für einige Tage, an denen es Ausflüge gab. Aber der Rest der sechs Wochen lag ungeplant vor ihnen wie ein großes, leeres Blatt Papier.
Am dritten Abend, beim Abendbrot auf dem kleinen Balkon, sagte Murat: „Ich habe eine Idee. Wir machen eine Liste. Jeder schreibt auf, was er in diesen Ferien unbedingt machen will. Es darf nichts kosten oder fast nichts. Und dann machen wir so viel davon, wie wir schaffen.“
Die Liste am Kühlschrank
Elif wollte zuerst nicht mitmachen. Aber als Can anfing, seine Wünsche zu diktieren, konnte sie nicht widerstehen. Can wollte jeden Tag ins Freibad, eine Nacht im Zelt schlafen, einen Staudamm im Bach bauen und herausfinden, wie viele Kugeln Eis er schafft. Murat wollte endlich mit den Kindern die Burg besichtigen, an der er seit zwölf Jahren täglich vorbeifuhr, ohne je hineingegangen zu sein. Nadine wollte einen Abend lang Sterne gucken und einmal Pizza im eigenen Backofen machen, mit selbstgemachtem Teig.
Elif dachte lange nach. Dann schrieb sie, in sauberer Handschrift: „Ein Buch schreiben. Fahrradfahren ohne festes Ziel. Einmal so lange aufbleiben, wie ich will.“
Die Liste kam an den Kühlschrank. Daneben hängte Nadine einen großen Bogen Papier mit sechs Spalten, eine für jede Ferienwoche. „Das ist kein Stundenplan“, erklärte sie. „Das ist ein Logbuch. Hier schreiben wir rein, was wir erlebt haben.“
Das Freibad und die Burg
Das städtische Freibad lag zwanzig Minuten mit dem Fahrrad entfernt. In der ersten Woche fuhren Nadine und die Kinder fast jeden Nachmittag hin, nach der Arbeit. Mit der Familienkarte für die Saison kostete jeder Besuch kaum mehr als ein Eis. Can machte in dieser Woche sein Seepferdchen und stand danach so stolz vor dem Bademeister, als hätte er eine Goldmedaille gewonnen.
Am ersten Samstag besichtigten sie die Kaiserburg. Murat hatte sich vorher in der Stadtbibliothek ein Buch über die Geschichte Nürnbergs ausgeliehen und erzählte auf dem Weg nach oben von Kaisern, Rittern und dem tiefen Brunnen, der fast fünfzig Meter in den Fels hinabreichte. Im Brunnenhaus goss eine Führerin Wasser in den Schacht, und es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis es unten aufplatschte. Can hielt sich die Ohren zu, Elif staunte. Abends schrieb sie ins Logbuch: „Der Brunnen ist so tief wie ein Hochhaus. Papa wusste alles, außer warum die Ritter keine Zahnbürsten hatten.“
Die Nacht im Garten
Nadines Eltern, Oma Hilde und Opa Gerd, besaßen einen Schrebergarten am Stadtrand, mit einer Laube, einem Apfelbaum und einer Wiese, die groß genug für ein Zelt war. In der zweiten Woche baute Murat dort mit den Kindern das alte Familienzelt auf, das seit Jahren im Keller lag und dem eine Stange fehlte. Sie ersetzten sie durch einen Besenstiel.
Der Abend wurde unvergesslich. Opa Gerd grillte Würstchen und Maiskolben, Oma Hilde brachte Kartoffelsalat. Als es dunkel wurde, lagen alle auf Decken im Gras und sahen in den Himmel. Es war die Woche, in der die Perseiden ihren Höhepunkt hatten, und Nadine hatte im Internet nachgelesen, wann man die meisten Sternschnuppen sehen konnte. Sie zählten siebzehn. Bei jeder durfte jemand sich etwas wünschen, laut oder leise. Can wünschte sich laut einen Hund. Elif wünschte sich leise etwas, das sie niemandem verriet.
In dieser Nacht schliefen Elif, Can und Murat im Zelt, auf Isomatten, die nach Keller rochen. Um drei Uhr morgens weckte Can alle, weil er dringend aufs Klo musste. Um sechs Uhr weckten sie die Amseln. Es war, fand Elif, das beste Hotel der Welt.
Fahrradfahren ohne Ziel
In der vierten Woche hatte Murat Urlaub, und er erfüllte Elifs Wunsch: Fahrradfahren ohne festes Ziel. Sie fuhren los, nur zu zweit, und an jeder Kreuzung durfte Elif entscheiden, ob es links, rechts oder geradeaus ging. Sie landeten am Pegnitzufer, dann in einem Wäldchen, dann an einem Bäcker in einem Vorort, von dem sie nie gehört hatten, wo es die besten Streuselschnecken gab, die Elif je gegessen hatte. Sie kamen nach vier Stunden nach Hause, mit Sonnenbrand auf den Nasen und Mücken an den Beinen.
„Wir hätten uns verfahren können“, sagte Elif abends. „Haben wir ja auch“, sagte Murat. „Das war doch das Beste.“
Danach fuhren sie fast jede Woche einmal los. Und zwischen den Fahrten saß Elif oft auf dem Balkon und schrieb in ein dickes Heft. Sie zeigte niemandem, was sie schrieb.
Das Buch
Am letzten Ferienwochenende legte Elif ihren Eltern das Heft auf den Frühstückstisch. Auf dem Umschlag stand in bunten Buchstaben: „Der Sommer, in dem wir nirgends hinfuhren. Von Elif.“ Darin waren dreiundzwanzig Seiten voller Geschichten und Zeichnungen: der tiefe Brunnen, die Sternschnuppen, das Zelt mit dem Besenstiel, Cans Seepferdchen, die Streuselschnecken.
Nadine las das Heft zweimal. Beim zweiten Mal musste sie sich die Augen wischen.
Am ersten Schultag erzählten die Kinder in der Klasse von ihren Ferien. Lea zeigte Fotos von Mallorca, Jonas von dänischen Dünen. Als Elif an der Reihe war, zögerte sie kurz. Dann holte sie ihr Heft aus dem Ranzen und las die Geschichte von der Nacht im Garten vor. Als sie fertig war, fragte Mia, die zwei Wochen auf dem Reiterhof gewesen war: „Wo ist der Garten? Kann man da auch mal hin?“
Für euren Alltag
Nicht jede Familie kann in den Sommerferien verreisen, und nicht jede möchte es. Für Kinder kann es trotzdem schwer sein, wenn alle anderen von Flugreisen und Strandurlauben erzählen. Gleichzeitig bieten Ferien zu Hause eine besondere Chance: Zeit ohne Druck, die eigene Umgebung neu zu entdecken. Was Elifs Familie geholfen hat:
- Enttäuschung ernst nehmen. Es ist in Ordnung, traurig zu sein, wenn andere wegfahren. Kinder brauchen zuerst Verständnis, bevor sie offen für Alternativen sind.
- Gemeinsam eine Wunschliste schreiben. Wenn jedes Familienmitglied eigene Ideen einbringt, werden die Ferien zu einem gemeinsamen Projekt statt zu einem Ersatzprogramm.
- Die eigene Stadt als Reiseziel entdecken. Burgen, Museen, Parks und Uferwege, an denen man jahrelang vorbeigefahren ist, sind plötzlich Abenteuer.
- Städtische Angebote nutzen. Viele Städte und Gemeinden bieten günstige Ferienprogramme, Ferienpässe oder Sommerleseclubs in Bibliotheken an.
- Kleine Abenteuer planen. Eine Nacht im Zelt, eine Radtour ohne Ziel oder ein Abend unter den Sternen kosten wenig und bleiben lange in Erinnerung.
- Erlebnisse festhalten. Ein Ferien-Logbuch oder ein selbstgeschriebenes Heft hilft Kindern, sich der eigenen Erlebnisse bewusst zu werden und stolz davon zu erzählen.
Zum Gespräch mit euren Kindern
- Was würdest du auf eine Ferienliste schreiben, wenn es nichts kosten dürfte?
- Welchen Ort in unserer Stadt kennst du noch gar nicht, obwohl er ganz in der Nähe ist?
- Wie fühlt es sich an, wenn alle anderen von ihren Reisen erzählen? Was kann man dann sagen?
- Was macht für dich einen richtig guten Ferientag aus?