Ein Adventskalender voller Zeit
Vierundzwanzig Türchen voller Plastikkram – bis Familie Berger ihren Kindern gemeinsame Zeit in den Kalender packt. Eine Geschichte über Vorfreude, Konsum und das, was Kinder im Advent brauchen.
Am 2. Dezember lagen im Kinderzimmer von Ole und Paula Brandt bereits drei Flummis, ein Radiergummi in Form eines Einhorns, ein Schlüsselanhänger mit Blinklicht und zwei Päckchen Glitzertattoos. Der Adventskalender, den Oma Gisela wie jedes Jahr aus Bremen geschickt hatte, war ein großer Karton mit vierundzwanzig Türchen, hinter denen jeweils eine Kleinigkeit steckte. Zusätzlich hatte jedes Kind einen Schokoladenkalender aus dem Supermarkt. Und Mama Christine hatte, wie in jedem Jahr, einen selbstgemachten Kalender aus vierundzwanzig Stoffsäckchen an eine Schnur über das Hochbett gehängt.
Am Morgen des 3. Dezember stritten sich die Geschwister darüber, wer welches Säckchen zuerst öffnen durfte. Paula, sieben Jahre alt, hatte ihren Schlüsselanhänger schon verloren. Ole, neun, sagte über das Geschenk aus dem Karton: „Das hatte ich letztes Jahr schon.“ Dann warf er es in die Kiste unter dem Bett, in der die Flummis aus dem vorigen Advent lagen.
Drei Kalender und kein Funke
Christine stand in der Tür und sah ihren Kindern zu. Sie hatte sich im November an vier Abenden hingesetzt, um die Säckchen zu füllen. Sie hatte Kleinigkeiten in Drogeriemärkten und im Internet bestellt, hatte Zettel geschrieben und Bänder geknotet. Und jetzt rissen die Kinder die Säckchen auf, sahen kurz hinein und legten den Inhalt beiseite, um schon das nächste Türchen im anderen Kalender zu öffnen.
Am Abend saß sie mit ihrem Mann Tobias auf dem Sofa in ihrer Wohnung in Hannover-Linden. „Ich habe das Gefühl, wir machen hier etwas falsch“, sagte sie. „Die freuen sich nicht mehr. Die erwarten nur noch.“
Tobias nickte. Er hatte am Vortag den Müll rausgebracht und dabei gesehen, wie viel Verpackung allein vom ersten Advent übrig war. „Als ich klein war, hatten wir einen Kalender mit Bildern hinter den Türchen. Nur Bilder. Und ich habe mich jeden Morgen gefreut wie verrückt.“
Was die Kinder eigentlich wollen
Christine und Tobias beschlossen, nicht einfach selbst eine Entscheidung zu treffen, sondern die Kinder zu fragen. Beim Abendessen am Freitag fragte Tobias: „Was war bisher das Schönste in diesem Advent?“
Paula dachte nach. „Als wir am Sonntag Plätzchen gebacken haben. Und ich die Streusel machen durfte.“ Ole sagte: „Als Papa uns aus dem Buch vorgelesen hat, das mit dem Wichtel. Und wir alle auf dem großen Bett lagen.“ Keines der Kinder nannte einen der Flummis, den Radiergummi oder die Glitzertattoos.
„Und wenn ihr euch etwas wünschen dürftet für die nächsten Tage?“, fragte Christine. „Nicht etwas zum Auspacken, sondern etwas, das wir zusammen machen.“
Die Kinder sahen sich an. Dann sprudelte es aus ihnen heraus. Schlittschuhlaufen. Einen Weihnachtsfilm mit Popcorn schauen, auf dem Boden im Wohnzimmer. Zum Weihnachtsmarkt gehen und Maronen essen. Die Lichter in der Nachbarschaft anschauen, im Dunkeln, mit Taschenlampen. Eine Nacht im Wohnzimmer schlafen, im Zelt aus Decken. Ole wollte mit Papa einen Vogelfutterkranz bauen. Paula wollte, dass Mama ihr zeigt, wie man Sterne aus Papier faltet.
Tobias schrieb alles auf. Am Ende standen einundzwanzig Ideen auf dem Zettel.
Ein Kalender aus Zetteln
An diesem Wochenende bauten sie den Kalender um. Die Stoffsäckchen blieben hängen, aber ihr Inhalt änderte sich. Christine schrieb jede Idee auf einen kleinen Zettel, rollte ihn zusammen und band ihn mit einem roten Faden zu. Manche Zettel enthielten kleine Dinge: „Heute gibt es Pfannkuchen zum Abendbrot, und ihr dürft den Belag aussuchen.“ Manche größere: „Samstag: Wir fahren zum Eislaufen an den Maschsee.“ Und einige ganz einfache: „Heute liest Mama ein Kapitel mehr vor.“
Damit die Familie den Kalender auch schaffen konnte, ordnete Christine die Zettel nach dem Wochenplan. An den Tagen, an denen sie Spätdienst im Krankenhaus hatte oder Tobias lange im Büro blieb, standen kleine Dinge, die zehn Minuten dauerten. Die großen Ausflüge lagen auf den Wochenenden. „Ein Kalender, der uns stresst, hilft niemandem“, sagte sie.
Was mit den anderen Kalendern passieren sollte, besprachen sie mit den Kindern. Den Schokoladenkalender durften sie behalten, aber Paula und Ole wollten selbst vorschlagen, dass sie ihn sich teilen: Ein Kalender sei genug, der andere könne zur Tafel. Und Oma Gisela riefen sie gemeinsam an, um sich für den Karton zu bedanken und vorsichtig zu fragen, ob sie im nächsten Jahr vielleicht etwas anderes machen wollten.
Ein Anruf in Bremen
Christine hatte Angst vor diesem Anruf. Oma Gisela war Tobias' Mutter, und der Adventskalender war ihr großer Stolz. Sie packte ihn jedes Jahr im Oktober, sie ging dafür in sechs Läden, und sie fragte im Dezember jeden zweiten Tag nach, was die Kinder hinter den Türchen gefunden hatten.
Aber es war Ole, der das Gespräch übernahm. „Oma“, sagte er ins Telefon, „wir machen dieses Jahr einen Kalender mit Sachen, die wir zusammen machen. Und ich hab mir überlegt: Kannst du nächstes Jahr nicht vierundzwanzig Geschichten aufschreiben? Von früher, als du klein warst? Und jeden Tag lesen wir eine?“
Am anderen Ende der Leitung war es still. Dann hörte Christine, wie ihre Schwiegermutter sich räusperte. „Das ist eine schöne Idee, mein Junge“, sagte Oma Gisela, und ihre Stimme klang ein bisschen belegt. „Da muss ich aber früh anfangen. Ich habe ja so viel zu erzählen.“ Wie sich später herausstellte, setzte sie sich noch am selben Abend hin und schrieb die erste Geschichte auf, über den Winter 1962, als in Bremen die Weser zugefroren war.
Der Advent, der sich anders anfühlte
Die nächsten drei Wochen waren nicht perfekt. An einem Abend stand auf dem Zettel „Wir basteln Sterne“, aber Paula war müde und weinte, weil der erste Stern schief wurde. An einem anderen Tag fiel das Schlittschuhlaufen aus, weil Ole Fieber hatte; stattdessen schauten sie zu dritt auf dem Sofa einen Film, und Ole schlief nach zwanzig Minuten ein. Einen Zettel tauschten sie um, weil Tobias kurzfristig länger arbeiten musste.
Aber etwas hatte sich verändert. Die Kinder rannten morgens nicht mehr zum Kalender, um etwas auszupacken und gleich wieder zu vergessen. Sie rätselten, was heute auf dem Zettel stehen könnte. Sie sprachen den ganzen Tag davon. Ole erzählte in der Schule von der Nacht im Deckenzelt, und am nächsten Tag fragte seine Lehrerin bei der Elternsprechstunde, wie man so einen Kalender macht.
Am Abend des 23. Dezember, als alle Zettel gelesen und fast alle Ideen erlebt waren, saßen sie zusammen auf dem Teppich und schauten sich die Fotos an, die Tobias in den drei Wochen gemacht hatte. Paula mit roten Wangen auf dem Eis. Ole mit dem Vogelfutterkranz, an dem schon eine Blaumeise hing. Die ganze Familie mit Taschenlampen vor dem Haus in der Nachbarschaft, das mit Hunderten Lichterketten geschmückt war.
„Das war der schönste Advent“, sagte Paula. Dann hielt sie inne. „Obwohl ich gar nicht so viele Sachen gekriegt habe.“
Für euren Alltag
Adventskalender sollen die Vorfreude auf Weihnachten wecken. Doch wenn jeden Tag mehrere Geschenke warten, kann die Vorfreude schnell zur Gewohnheit werden – und die kleinen Dinge landen unbeachtet in einer Kiste. Gemeinsame Zeit ist für viele Kinder das, woran sie sich später erinnern. Was Familie Berger geholfen hat:
- Die Kinder fragen. Was war bisher schön? Was wünschen sie sich? Kinder haben oft sehr genaue Vorstellungen davon, was sie mit ihren Eltern erleben wollen, und es sind selten teure Dinge.
- Klein und groß mischen. Nicht jeder Tag braucht einen Ausflug. Ein Kapitel mehr vorlesen, Pfannkuchen zum Abendessen oder eine Taschenlampenrunde durch die Nachbarschaft sind genauso wertvoll.
- Den Kalender an den Familienalltag anpassen. Größere Aktionen auf freie Tage legen, an stressigen Tagen nur Kleines einplanen. Ein Kalender, der Eltern überfordert, verliert seinen Zauber schnell.
- Flexibel bleiben. Wenn ein Kind krank wird oder ein Termin dazwischenkommt, darf ein Zettel getauscht oder verschoben werden. Wichtiger als der Plan ist die gemeinsame Zeit.
- Mit Großeltern offen sprechen. Statt Geschenke abzulehnen, kann man gemeinsam neue Ideen entwickeln, die zur Familie passen – zum Beispiel Geschichten, Briefe oder gemeinsame Erlebnisse.
- Erinnerungen festhalten. Ein paar Fotos oder ein kleines Advents-Tagebuch helfen, sich später an die schönen Momente zu erinnern.
Zum Gespräch mit euren Kindern
- Was war für dich das Schönste im letzten Advent – etwas, das du bekommen hast, oder etwas, das wir zusammen gemacht haben?
- Welche drei Dinge würdest du gern in einen Kalender voller gemeinsamer Zeit schreiben?
- Warum freut man sich manchmal mehr auf etwas, wenn man nicht weiß, was es ist?
- Wen aus unserer Familie würdest du gern um eine Geschichte von früher bitten?