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ZUVIKZuhause, viel Kinderlachen

Wem gehört der rote Bagger?

Ein einziger roter Bagger und zwei Brüder, die ihn beide wollen. Eine Geschichte über Teilen, das nicht erzwungen wird, über Eieruhren am Sandkasten und über Spielzeug, das nicht geteilt werden muss.

Der rote Bagger war nicht das teuerste Spielzeug im Kinderzimmer der Familie Neumann. Er war nicht einmal das neueste. Er hatte eine abgebrochene Schaufelspitze, einen Kratzer an der Seite und einen Aufkleber, den niemand mehr entziffern konnte. Aber er war, ohne jeden Zweifel, das begehrteste Objekt der Welt. Zumindest für Felix, fünf Jahre, und Anton, drei Jahre.

„Meiner!“, schrie Anton und hielt den Bagger mit beiden Armen umklammert. „Ich hatte den zuerst!“, schrie Felix und zog an der Schaufel. Die Schaufel gab nach, nicht ganz, aber hörbar. Beide Jungen erstarrten. Dann heulten sie gleichzeitig los.

Die Methode „Jetzt wird geteilt“

Ihre Mutter Katharina kam aus der Küche, wo sie gerade Zwiebeln schnitt, die Hände noch nass. Sie kannte diese Szene. Sie kannte sie mehrmals täglich. Und sie hatte eine Standardantwort, die sie von ihrer eigenen Mutter übernommen hatte: „Jetzt wird geteilt! Felix, du bist der Große, gib ihn Anton.“

Felix gab den Bagger ab, mit einem Gesicht, als hätte man ihm das Herz herausgerissen. Anton hielt den Bagger fest, triumphierend, spielte aber nicht damit. Er hielt ihn nur. Und Felix setzte sich in eine Ecke und sagte den ganzen Abend kaum ein Wort.

Am Abend erzählte Katharina ihrem Mann Robert davon. „Ich habe das Gefühl, mit dem Teilen machen wir etwas falsch“, sagte sie. „Felix muss immer nachgeben, weil er der Große ist. Und Anton lernt, dass er alles bekommt, wenn er nur laut genug schreit.“

Was der Sandkasten zeigte

Am Samstag beobachtete Robert auf dem Spielplatz eine Szene, die ihm zu denken gab. Ein Mädchen von vielleicht vier Jahren spielte mit einem Eimer, ein Junge wollte ihn haben. Die Mutter des Mädchens kam nicht herübergerannt. Sie sagte vom Rand des Sandkastens nur: „Paula, Jonas möchte auch mal den Eimer. Sagst du ihm, wann du fertig bist?“ Paula überlegte und sagte: „Wenn mein Kuchen fertig ist.“ Jonas wartete, grub derweil mit den Händen. Drei Minuten später schob Paula ihm den Eimer hin.

Robert sprach die Mutter an. „Wie machen Sie das?“ Sie lachte. „Ich zwinge sie nicht mehr zum Teilen. Sie darf fertigspielen. Aber sie muss dem anderen sagen, wann. Erwachsene geben ihr Handy ja auch nicht sofort her, nur weil jemand anderes es haben will.“

Robert lachte mit. Aber auf dem Heimweg dachte er lange darüber nach.

Abwechseln statt teilen

Zuhause besprachen Katharina und Robert eine neue Regel: Wer mit einem Spielzeug spielt, darf zu Ende spielen. Wer warten muss, darf fragen: „Sagst du mir, wann du fertig bist?“ Und wenn es zu lange dauert, hilft eine Eieruhr.

Die Eieruhr war ein altes Ding in Form einer Tomate, die tickte und am Ende klingelte. Katharina stellte sie auf zehn Minuten ein, wenn ein Streit eskalierte. Wer den Bagger hatte, durfte zehn Minuten damit spielen. Dann klingelte es, und der andere war dran.

Die Jungen fanden die Tomate faszinierend. Anton, der noch nicht wusste, wie lange zehn Minuten sind, saß manchmal neben seinem Bruder und starrte auf die Uhr, als könne er sie mit Blicken beschleunigen. Felix wiederum begann, die Zeit gut zu nutzen. Er spielte konzentrierter, wenn er wusste, dass sie begrenzt war.

Die besonderen Sachen

Die zweite Regel kam von Felix selbst. An einem Abend, als er wütend war, weil Anton seine Bilderbuchsammlung durcheinandergebracht hatte, rief er: „Manche Sachen sind nur meine!“

Katharina wollte erst widersprechen. Dann hielt sie inne. Hatte er nicht recht? Sie selbst teilte ja auch nicht alles. Ihre Lieblingstasse, ihr Tagebuch, ihre Kopfhörer.

Also bekam jeder Junge eine eigene Kiste, in der seine „besonderen Sachen“ lagen. Was in der Kiste war, musste nicht geteilt werden. Für Felix waren das seine Bilderbücher und ein Plüschhai. Für Anton ein Schmusetuch und, zur Überraschung aller, ein ganz gewöhnlicher Holzlöffel, den er aus der Küche stibitzt hatte. Alles andere im Kinderzimmer gehörte allen, und dafür galten Eieruhr und Abwechseln.

Wenn Besuch kommt

Eine besondere Herausforderung waren Besuche. Als Felix' Kindergartenfreundin Emma zum Spielen kam, wollte Anton sofort mitspielen, und Emma wollte ausgerechnet den roten Bagger. Felix sah hilfesuchend zu seiner Mutter.

Katharina hatte vorher mit Felix gesprochen. „Wenn Emma kommt, sind die besonderen Sachen in deiner Kiste sicher. Alles andere spielt ihr zusammen.“ Felix hatte am Vormittag seinen Plüschhai und zwei Lieblingsbücher in die Kiste gelegt und die Kiste auf den Schrank gestellt. Der Bagger war nicht darin. Felix hatte lange überlegt und sich dann dagegen entschieden, weil er wusste, dass Emma Bagger mochte.

Jetzt war die Versuchung groß, es sich anders zu überlegen. Aber er erinnerte sich an die Abmachung und sagte zu Emma: „Du darfst baggern. Aber sag mir, wann du fertig bist.“ Emma, die solche Regeln von zuhause nicht kannte, sah ihn verwundert an und sagte dann: „Wenn die Sandburg fertig ist.“ Das reichte Felix.

Anton bekam in dieser Zeit eine eigene Aufgabe: Er durfte die Tomaten-Eieruhr bewachen. Das machte er mit so großem Ernst, dass er völlig vergaß, den Bagger zu wollen.

Ein Streit, den sie allein lösten

Ein paar Wochen später hörte Katharina aus dem Kinderzimmer erst lautes Gezeter, dann plötzlich Stille. Sie schlich zur Tür. Felix und Anton saßen auf dem Teppich, zwischen ihnen der rote Bagger und ein blauer Kipplaster.

„Du baggerst, ich kippe“, erklärte Felix gerade. „Dann tauschen wir.“ Anton nickte. Sie bauten eine Baustelle aus Bauklötzen, auf der der Bagger die Klötze lud und der Kipplaster sie fortbrachte. Als Anton nach einer Weile den Bagger wollte, sagte Felix: „Gleich. Wenn das Haus fertig ist.“ Und Anton wartete.

Katharina ging leise zurück in die Küche, ohne etwas zu sagen. Später lobte sie die beiden nicht für das Teilen, sondern für ihre Baustelle. „Das war ja ein richtig großes Haus, das ihr zusammen gebaut habt.“ Felix strahlte. „Anton hat gekippt. Er kann das schon richtig gut.“

Der rote Bagger hat inzwischen keine Schaufel mehr. Er steht trotzdem noch im Regal.

Für euren Alltag

Streit um Spielzeug gehört zum Alltag mit kleinen Geschwistern. Kleine Kinder lernen das Teilen erst nach und nach, und erzwungenes Teilen führt oft eher zu Groll als zu Großzügigkeit. Was Familie Neumann geholfen hat:

  • Abwechseln statt sofort teilen. Wer ein Spielzeug hat, darf zu Ende spielen. Wer warten muss, darf fragen, wann er drankommt. Das ist für Kinder oft fairer als die sofortige Übergabe.
  • Macht Zeit sichtbar. Eine Eieruhr, eine Sanduhr oder ein Lied geben kleinen Kindern, die Zeit noch nicht einschätzen können, eine verlässliche Grenze.
  • Erlaubt „besondere Sachen“. Jedes Kind darf ein paar Dinge haben, die es nicht teilen muss. Wer sicher ist, dass ihm etwas gehört, teilt den Rest oft leichter.
  • Lasst nicht immer das ältere Kind nachgeben. „Du bist der Große“ ist für ältere Geschwister oft unfair. Gleiche Regeln für alle schaffen mehr Frieden.
  • Gebt Raum, bevor ihr eingreift. Viele kleine Streitigkeiten lösen Kinder selbst, wenn Erwachsene nicht sofort dazwischengehen. Eingreifen ist nötig, wenn jemand weh tut oder ein Kind dauerhaft unterlegen ist.
  • Lobt das Miteinander. Statt „Toll, dass du geteilt hast“ wirkt oft ein Kommentar zum gemeinsamen Spiel stärker: „Ihr habt zusammen etwas Großes gebaut.“

Zum Gespräch mit euren Kindern

Fragt eure Kinder: Welche Sachen sind dir so wichtig, dass du sie nicht teilen möchtest? Und welche Sachen machen zu zweit mehr Spaß? Gemeinsam lässt sich eine Liste aufschreiben oder malen, die beim nächsten Streit hilft.

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