Hausaufgabenkrieg am Küchentisch
Jeden Nachmittag sitzt Leonie vor dem Matheheft, ihre Mutter daneben, und nach zehn Minuten fließen Tränen. Über Hausaufgaben, Fehler und die Frage, wie viel Eltern helfen sollten.
Um halb drei am Nachmittag lag im Haus der Familie Brinkmann in Bielefeld-Schildesche jedes Mal eine Spannung in der Luft, die man fast greifen konnte. Leonie, acht Jahre alt, dritte Klasse, saß am Küchentisch vor ihrem Matheheft. Ihre Mutter Katja saß neben ihr, mit einem Bleistift und einem Radiergummi in der Hand. Auf dem Herd köchelte die Suppe für das Abendessen. Leonies kleiner Bruder Finn baute im Wohnzimmer mit lautem Getöse einen Turm.
„Sieben mal acht?“, fragte Katja.
Leonie starrte auf das Blatt. „Vierundfünfzig.“
„Nein. Überleg noch mal.“
„Fünfundfünfzig?“
Katja atmete hörbar aus. „Leonie. Wir haben das gestern geübt. Sieben mal acht.“
Leonie brach in Tränen aus, schob das Heft weg und rief: „Ich bin zu dumm für Mathe!“ Dann rannte sie in ihr Zimmer und knallte die Tür zu. Es war fünf nach halb drei.
Jeden Tag dasselbe
So ging es seit Wochen. Leonie kam um Viertel nach eins aus der Schule, aß zu Mittag und setzte sich dann an die Hausaufgaben. Und jeden Tag wurde daraus ein Kampf, der sich manchmal bis zum Abend hinzog. Katja arbeitete vormittags als Verwaltungsangestellte bei der Stadt und hatte sich die Nachmittage frei gehalten, um für die Kinder da zu sein. Aber diese Nachmittage fühlten sich längst nicht mehr wie Zeit für die Kinder an. Sie fühlten sich an wie ein Schlachtfeld.
Katja war selbst eine gute Schülerin gewesen. Sie verstand nicht, warum Leonie Dinge vergaß, die sie am Vortag noch gewusst hatte. Sie verstand nicht, warum ihre Tochter beim kleinsten Fehler zusammenbrach. Und sie verstand nicht, warum sie selbst so schnell die Geduld verlor. Abends, wenn die Kinder schliefen, schämte sie sich für ihren Ton. Am nächsten Nachmittag passierte es wieder.
Ihr Mann Daniel arbeitete als Busfahrer im Schichtdienst und bekam die Hausaufgabenkämpfe meist nur aus Erzählungen mit. „Lass sie doch einfach allein machen“, schlug er vor. Katja schüttelte den Kopf. „Dann macht sie alles falsch. Und dann denkt die Lehrerin, wir kümmern uns nicht.“
Ein Gespräch in der Schule
Beim Elternsprechtag im November saß Katja auf einem kleinen Stuhl vor Frau Akgül, Leonies Klassenlehrerin. Sie hatte sich auf das Gespräch vorbereitet und eine Liste mitgebracht: die Matheaufgaben, die Leonie nicht konnte, die Diktate mit den vielen Fehlern, die Frage, ob Leonie vielleicht Nachhilfe brauchte.
Frau Akgül hörte zu und blätterte dann in Leonies Heft. „Darf ich Sie etwas fragen? Wie lange sitzt Leonie an den Hausaufgaben?“
Katja überlegte. „Manchmal eine Stunde. Manchmal zwei. Mit Pausen.“
Frau Akgül nickte langsam. „In der dritten Klasse sind die Hausaufgaben so geplant, dass ein Kind sie in etwa fünfundvierzig Minuten schaffen kann. Wenn es länger dauert, möchte ich das wissen. Dann ist es zu viel oder zu schwer, und das muss ich anpassen. Nicht Sie.“
Dann zeigte sie auf eine Seite im Heft. „Und noch etwas. Hier sehe ich keine Fehler. Und hier auch nicht. Aber im Unterricht macht Leonie Fehler, wie alle Kinder. Ich vermute, dass zu Hause radiert wird, bis alles stimmt?“
Katja wurde rot. Sie nickte.
„Ich verstehe das“, sagte Frau Akgül freundlich. „Aber für mich sind Leonies Fehler wichtig. Sie zeigen mir, was sie noch nicht verstanden hat. Wenn alles richtig ist, denke ich, sie kann es. Und Leonie lernt, dass Fehler etwas Schlimmes sind, das man verstecken muss.“
Was Leonie dazu sagt
Am Abend nach dem Elternsprechtag setzte Katja sich zu Leonie aufs Bett. „Ich war heute bei Frau Akgül“, sagte sie. „Und ich glaube, ich habe bei den Hausaufgaben einiges falsch gemacht.“
Leonie sah sie überrascht an. Dass ihre Mutter etwas falsch machte, war eine neue Vorstellung.
„Wie fühlst du dich eigentlich, wenn wir Hausaufgaben machen?“, fragte Katja.
Leonie zupfte an ihrer Bettdecke. „Als ob ich eine Prüfung schreibe“, sagte sie schließlich. „Und du bist die Lehrerin. Aber eine strenge. Und wenn ich was falsch mache, guckst du so.“ Sie machte ein Gesicht, das Katja sofort erkannte: zusammengezogene Augenbrauen, schmale Lippen. Es war ihr eigenes Gesicht.
„Und was würde dir helfen?“
Leonie dachte nach. „Wenn ich erst spielen darf. Und wenn du nicht direkt neben mir sitzt. Und wenn ich selbst sagen darf, wann ich Hilfe brauche.“
Neue Regeln
Katja und Daniel setzten sich am Wochenende mit Leonie zusammen und vereinbarten neue Regeln. Sie schrieben sie auf ein Blatt und hängten es an den Kühlschrank.
Nach der Schule gab es zuerst Mittagessen und dann eine Stunde Pause. Leonie durfte spielen, draußen herumlaufen oder einfach auf dem Sofa liegen. Um halb vier begann die Hausaufgabenzeit, an Leonies eigenem Schreibtisch in ihrem Zimmer statt in der lauten Küche. Katja war in der Nähe, im Flur oder in der Küche, aber sie saß nicht daneben. Wenn Leonie Hilfe brauchte, kam sie zu ihr oder rief.
Auf dem Schreibtisch stand eine Eieruhr, auf fünfundvierzig Minuten gestellt. Wenn sie klingelte, war Schluss, egal ob alles fertig war oder nicht. Katja schrieb dann einen kurzen Satz für Frau Akgül ins Hausaufgabenheft: „Leonie hat 45 Minuten gearbeitet und Aufgabe 4 nicht mehr geschafft.“
Und das Wichtigste: Es wurde nicht mehr radiert. Fehler blieben stehen. Katja schaute sich die Hausaufgaben am Ende an, um zu sehen, ob alles erledigt war, aber sie korrigierte nicht.
Die ersten Wochen
Es war nicht sofort leicht. Am ersten Tag rief Leonie nach fünf Minuten, sie verstehe Aufgabe zwei nicht. Katja ging zu ihr und widerstand dem Drang, die Lösung zu sagen. Stattdessen fragte sie: „Was steht denn in der Aufgabe? Lies sie mir mal vor.“ Leonie las vor. Beim Vorlesen merkte sie selbst, was gemeint war. „Ach so“, sagte sie, und Katja ging wieder hinaus.
Am dritten Tag klingelte die Eieruhr, und Leonie hatte nur die Hälfte geschafft. Katja schrieb die Notiz ins Heft, mit einem flauen Gefühl im Magen. Zwei Tage später kam eine Antwort von Frau Akgül: „Danke für die Rückmeldung. Ich habe gesehen, dass die Textaufgaben für Leonie noch schwierig sind. Wir üben das in der Förderstunde.“
Und nach drei Wochen geschah etwas, mit dem Katja nicht gerechnet hatte. Leonie kam aus ihrem Zimmer, das Heft in der Hand, und sagte: „Mama, ich hab einen Fehler gemacht, aber ich weiß jetzt, wo.“ Sie zeigte auf eine Rechnung, die sie durchgestrichen und neu geschrieben hatte. Sieben mal acht, sechsundfünfzig. „Ich hab's mir mit sieben mal sieben plus sieben gemerkt“, erklärte sie stolz.
Nachmittage ohne Krieg
Die Nachmittage im Haus der Brinkmanns wurden ruhiger. Nicht jeden Tag, es gab immer noch schlechte Tage, an denen Leonie müde war oder die Aufgaben einfach zu schwer. Aber die Tränen wurden seltener, und die zugeknallten Türen auch.
Katja merkte, dass sie die Nachmittage wieder mochte. Nach der Hausaufgabenzeit gingen sie manchmal zusammen mit Finn auf den Spielplatz oder backten etwas. Und manchmal, ganz ohne dass es ein Schulthema war, fragte Leonie beim Backen: „Mama, wenn wir drei Bleche haben und auf jedem Blech acht Plätzchen, wie viele sind das dann?“ Und rechnete es dann selbst aus.
Für euren Alltag
Hausaufgaben sind in vielen Familien eine Quelle von Konflikten. Eltern wollen helfen, Kinder fühlen sich kontrolliert, und am Ende sind alle erschöpft. Dabei sollen Hausaufgaben in der Grundschule vor allem zeigen, was ein Kind schon allein kann. Was Leonies Familie geholfen hat:
- Die Zeit im Blick behalten. Viele Bundesländer und Schulen geben Richtwerte für die Dauer der Hausaufgaben vor. Wenn ein Kind regelmäßig deutlich länger braucht, sollte die Lehrkraft das wissen.
- Fehler stehen lassen. Korrigierte Hausaufgaben verschleiern, was ein Kind noch nicht verstanden hat. Fehler sind wertvolle Informationen für Lehrkräfte.
- Erst Pause, dann Arbeit. Nach einem langen Schulvormittag brauchen viele Kinder Bewegung, Essen und Erholung, bevor sie sich wieder konzentrieren können.
- Einen ruhigen Arbeitsplatz schaffen. Ein fester Platz, abseits von Küche und Geschwistern, hilft beim Konzentrieren.
- In der Nähe sein, aber nicht daneben sitzen. Erreichbar sein, wenn das Kind Hilfe braucht, gibt Sicherheit, ohne zu kontrollieren.
- Mit Fragen statt Lösungen helfen. „Was steht in der Aufgabe?“ oder „Wie hast du angefangen?“ fördern das eigene Denken mehr als vorgesagte Antworten.
- Mit der Lehrkraft im Gespräch bleiben. Eine kurze Notiz im Hausaufgabenheft kann helfen, gemeinsam die richtige Menge und den richtigen Schwierigkeitsgrad zu finden.
Zum Gespräch mit euren Kindern
- Wie fühlst du dich, wenn wir zusammen Hausaufgaben machen?
- Wo und wann kannst du dich am besten konzentrieren?
- Was ist für dich schlimm an einem Fehler, und was kann man aus einem Fehler lernen?
- Wie möchtest du, dass wir dir helfen, wenn du nicht weiterkommst?