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ZUVIKZuhause, viel Kinderlachen

Die große Anziehschlacht

Ronja ist drei und will alles selbst machen, am liebsten im Sommerkleid bei Frost. Eine Geschichte über Autonomie, Machtkämpfe um Strumpfhosen und den Kleiderschrank mit nur zwei Möglichkeiten.

Die Strumpfhose lag auf dem Boden. Ronja lag daneben, auf dem Rücken, die Arme ausgebreitet wie ein Seestern, und schrie. Ihre Mutter Julia Schneider kniete daneben, einen Stiefel in der Hand, und sah auf die Uhr. 7:42 Uhr. Um acht musste Ronja in der Kita sein, um halb neun begann Julias Videokonferenz.

„Ronja, es ist kalt draußen. Du brauchst eine Strumpfhose.“

„NEIN! Ich will das Glitzerkleid! Ohne alles!“

Das Glitzerkleid war ein Geschenk von Tante Sara, aus dünnem Tüll mit aufgenähten Pailletten, und es war zweifellos das schönste Kleidungsstück, das Ronja je besessen hatte. Es war außerdem, an einem Januarmorgen in Hannover mit minus vier Grad, völlig ungeeignet.

Drei Jahre und ein eigener Wille

Ronja war gerade drei geworden, und mit dem dritten Geburtstag schien ein neues Wort in ihren Wortschatz eingezogen zu sein, das alle anderen verdrängte: „Selbst!“ Sie wollte selbst die Treppe hinunter, selbst die Milch eingießen, selbst die Haustür aufschließen. Und vor allem wollte sie selbst entscheiden, was sie anzog.

Julia und ihr Mann Ben hatten von dieser Phase gehört. Sie hatten gelesen, dass Kinder in diesem Alter ihren eigenen Willen entdecken, dass das gesund und wichtig ist. Aber kein Buch hatte sie darauf vorbereitet, wie es sich anfühlt, jeden Morgen um eine Strumpfhose zu ringen, während die Uhr tickt.

An jenem Januarmorgen gewann am Ende die Uhr. Julia zog Ronja die Strumpfhose an, während Ronja schrie, packte sie in den Schneeanzug und trug sie zum Auto. Das Glitzerkleid steckte sie in eine Tüte, „für später“. In der Kita klammerte sich Ronja an Julias Bein und weinte. Julia kam zu spät zur Konferenz, mit roten Augen und dem Gefühl, versagt zu haben.

Was Ben anders machte

Bens Morgen waren nicht besser, nur anders. Er hatte eine Methode entwickelt, die er „Ablenkung“ nannte: Während Ronja einen Schuh anzog, erzählte er eine Geschichte über einen Bären, der seine Socken verloren hatte. Das funktionierte, bis Ronja merkte, was er tat. „Papa, du redest nur, damit ich mich anziehe!“, sagte sie eines Morgens empört und zog den Schuh wieder aus.

Am Wochenende saßen die beiden ratlos am Frühstückstisch, während Ronja, ausnahmsweise im Glitzerkleid über einem Wollpullover, friedlich ihr Brötchen aß. „Sie will nicht nackt in die Kita“, sagte Ben. „Sie will entscheiden.“

„Aber sie kann nicht entscheiden, ob sie bei Frost ein Sommerkleid trägt“, sagte Julia.

„Nein“, sagte Ben. „Aber vielleicht muss sie das auch gar nicht. Vielleicht reicht es, wenn sie irgendetwas entscheiden darf.“

Der Schrank mit zwei Möglichkeiten

Am Sonntagabend räumten sie Ronjas Kleiderschrank gemeinsam mit ihr um. Die Sommersachen kamen in eine Kiste auf den Dachboden, „die schlafen jetzt bis zum Sommer“, erklärte Julia. Übrig blieben Sachen, die für den Winter passten. Und jeden Abend legten sie zusammen zwei Outfits auf den Stuhl: zum Beispiel die rote Hose mit dem Pullover mit dem Fuchs, oder die Jeans mit dem gestreiften Pullover. Ronja durfte wählen.

Für das Glitzerkleid fanden sie einen Kompromiss: Ronja durfte es tragen, aber über der Strumpfhose und unter dem Pullover, „wie ein Geheimnis“. Ronja fand die Idee mit dem Geheimnis großartig.

Am Montagmorgen stand Ronja vor dem Stuhl, betrachtete beide Möglichkeiten lange und eingehend, als entschiede sie über die Zukunft der Welt, und wählte den Fuchspullover. Dann zog sie ihn an, verkehrt herum, mit dem Fuchs nach hinten.

Julia öffnete den Mund. Dann schloss sie ihn wieder. Der Fuchs zeigte nach hinten. Na und? Ronja war angezogen, sie war warm, und sie war unglaublich stolz.

Zeit als Geschenk

Das Zweite, was sich änderte, war die Zeit. Julia rechnete nach: Wenn Ronja sich selbst anziehen sollte, brauchte sie etwa fünfzehn Minuten. Wenn Julia sie anzog, gegen Widerstand, brauchte es zwanzig Minuten und endete in Tränen. Also stand sie fünfzehn Minuten früher auf und plante die Anziehzeit großzügiger ein.

„Ich habe gemerkt, dass der eigentliche Gegner nicht Ronja war, sondern die Uhr“, erzählte Julia später ihrer Freundin. „Wenn ich Zeit habe, kann ich ihr zusehen, wie sie mit dem Ärmel kämpft. Wenn ich keine Zeit habe, nehme ich ihr den Ärmel weg, und dann kämpft sie mit mir.“

Für Tage, an denen es wirklich schnell gehen musste, hatten sie eine Abmachung: „Heute ist ein Schnell-Tag, heute helfe ich dir.“ Ronja akzeptierte das meistens, weil Schnell-Tage selten waren und weil sie vorher angekündigt wurden.

Ein Gespräch mit der Erzieherin

Ein paar Wochen nach der Umstellung fragte die Erzieherin Frau Okafor beim Abholen: „Was haben Sie zuhause verändert? Ronja kommt viel entspannter an.“ Julia erzählte vom Stuhl mit den zwei Outfits und vom Fuchs, der nach hinten guckte. Frau Okafor lachte. „Das machen wir in der Kita ganz ähnlich. Die Kinder dürfen beim Rausgehen zwischen Matschhose und Regenhose wählen, aber nicht, ob sie eine Hose anziehen.“

Sie erzählte auch, dass in Ronjas Gruppe gerade viele Kinder in derselben Phase steckten. „Mit drei wollen sie die Welt selbst in die Hand nehmen. Wenn man ihnen kleine Bereiche gibt, in denen sie wirklich bestimmen dürfen, kämpfen sie weniger um die großen.“

Julia fand diesen Satz so treffend, dass sie ihn auf einen Zettel schrieb und an den Kühlschrank hängte. Ben ergänzte darunter mit krakeliger Schrift: „Und wenn sie doch kämpfen: tief durchatmen.“ Beide Sätze hingen dort noch, als Ronja längst in die Schule ging.

Es gab natürlich weiterhin schwierige Morgen. Einmal bestand Ronja darauf, ihre Taucherbrille in der Kita zu tragen, ein anderes Mal wollte sie nur Socken in derselben Farbe wie ihr Frühstücksbrei. Aber diese Dinge waren klein, und Julia hatte gelernt, die kleinen Kämpfe einfach nicht zu führen.

Was aus dem Fuchs wurde

Im Frühjahr, als die Sommerkleider vom Dachboden zurückkamen, gab es ein kleines Fest. Ronja zog das Glitzerkleid an, diesmal ganz offiziell, ohne Geheimnis darunter, denn draußen waren es zwanzig Grad. Sie drehte sich im Flur, bis ihr schwindelig wurde.

Der Fuchspullover lag noch auf dem Stuhl. Ronja sah ihn an und sagte: „Der Fuchs hat den ganzen Winter nach hinten geguckt. Jetzt darf er nach vorne.“ Sie legte den Pullover ordentlich zusammen, mit dem Fuchs oben, und trug ihn selbst in die Kiste für den Dachboden.

Für euren Alltag

Das Bedürfnis, selbst zu entscheiden und selbst zu machen, gehört zur normalen Entwicklung von Kleinkindern. Es ist anstrengend, aber auch ein Zeichen dafür, dass ein Kind seine eigene Wirksamkeit entdeckt. Was Ronjas Familie geholfen hat:

  • Gebt eine echte Wahl zwischen zwei Möglichkeiten. „Möchtest du die rote oder die blaue Hose?“ lässt dem Kind Entscheidungsfreiheit, ohne dass ihr die Kontrolle über Wetter und Anlass aufgebt.
  • Räumt den Schrank nach Jahreszeit auf. Was nicht im Schrank liegt, kann auch nicht zum Streitpunkt werden. Sachen, die nicht zur Jahreszeit passen, dürfen „schlafen“.
  • Plant Zeit für das Selbermachen ein. Kleinkinder brauchen beim Anziehen deutlich länger. Wer diese Zeit von vornherein einrechnet, vermeidet den Kampf gegen die Uhr.
  • Lasst Unvollkommenes stehen. Ein verkehrt herum angezogener Pullover oder zwei verschiedene Socken schaden niemandem. Der Stolz, es selbst geschafft zu haben, ist wichtiger.
  • Findet Kompromisse mit Fantasie. Das Lieblingsstück als „Geheimnis“ unter dem warmen Pullover, die Sonnenbrille im Herbst, der Prinzessinnenhut über der Mütze: Oft gibt es kreative Lösungen.
  • Kündigt Ausnahmen an. An Tagen, an denen es wirklich schnell gehen muss, hilft eine Ankündigung am Vorabend: „Morgen ist ein Schnell-Tag, da helfe ich dir.“

Zum Gespräch mit euren Kindern

Fragt beim Aussuchen am Abend: Was magst du an diesem Pullover? Welche Sachen sind deine Lieblingssachen? Kinder, die über ihre Kleidung erzählen dürfen, fühlen sich mit ihren Wünschen ernst genommen, auch wenn nicht jeder Wunsch an jedem Tag erfüllt werden kann.

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