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ZUVIKZuhause, viel Kinderlachen

Das alte Fotoalbum

In Opa Werners altem Fotoalbum findet Jonas eine leere Ecke, über die nie jemand gesprochen hat. Eine Geschichte über Familiengeschichte, langes Schweigen und Erinnerungen, die man teilen kann.

„Etwas, das älter ist als eure Eltern“, hatte Frau Kühn gesagt und es an die Tafel geschrieben. „Bringt es mit und erzählt, was es mit eurer Familie zu tun hat.“

Jonas, zehn Jahre alt, vierte Klasse einer Grundschule in Kassel, ging die Möglichkeiten auf dem Heimweg durch. Das Handy seiner Mutter: zu neu. Der Toaster: hässlich, und außerdem wusste er nicht, wie alt der war. Die Kuckucksuhr im Flur: zu schwer für den Ranzen. Am Abendbrottisch fragte er seine Mutter Sabine. Sie dachte kurz nach und sagte dann: „Frag Opa Werner. Der hebt alles auf.“

Ein Auftrag aus der Schule

Opa Werner wohnte zwei Straßen weiter in einem Reihenhaus mit einem Garten, in dem er Tomaten zog und mit den Amseln redete. Seit Oma Helga vor drei Jahren gestorben war, lebte er allein. Jonas besuchte ihn oft nach der Schule, sie spielten Mühle oder reparierten Fahrräder im Keller. Aber über früher sprachen sie selten. Opa Werner war kein Mann vieler Worte.

Als Jonas ihm von der Hausaufgabe erzählte, nickte Opa Werner langsam, stand auf und verschwand im Schlafzimmer. Jonas hörte eine Schranktür quietschen, dann das Rascheln von Papier. Opa kam mit einem dicken Buch zurück, in braunes Leinen gebunden, an den Ecken abgestoßen. „Das hat meine Mutter angelegt“, sagte er. „Da war ich so alt wie du.“

Er legte das Album auf den Küchentisch, wischte mit dem Ärmel über den Einband und schob es Jonas hin. „Vorsichtig. Die Seiten sind empfindlich.“

Seiten aus schwarzem Karton

Jonas hatte noch nie so ein Fotoalbum gesehen. Die Seiten waren aus schwarzem Karton, und zwischen ihnen lag dünnes, knisterndes Papier, durch das man die Bilder nur verschwommen sah. Die Fotos selbst waren klein, schwarz-weiß, mit gezacktem Rand, und sie steckten in winzigen Papierecken. Darunter stand, in weißer Tinte und in einer geschwungenen Schrift, die Jonas kaum lesen konnte, was auf den Bildern zu sehen war.

„Werner mit dem neuen Fahrrad, Ostern 1962.“ Ein dünner Junge mit Bürstenhaarschnitt und kurzen Hosen, der stolz neben einem Fahrrad stand, das viel zu groß für ihn aussah. „Das bist du?“, fragte Jonas ungläubig. Opa Werner lachte. „Das Rad hatte vorher drei Besitzer. Ich musste Holzklötze an die Pedale schrauben, damit ich drankam.“

Sie blätterten weiter. Das Hochwasser an der Fulda, bei dem der Keller vollgelaufen war. Die Konfirmation, Opa im ersten Anzug, der ihm an den Schultern zu weit war. Der erste Tag der Lehre als Werkzeugmacher, ein Gruppenbild vor einer Fabrikhalle mit vielen ernsten jungen Männern. Ein Moped, ein Zeltlager am Edersee, ein Tanzabend im Jahr 1971. „Und da“, sagte Opa Werner und tippte auf ein Bild, auf dem eine junge Frau mit hochgesteckten Haaren in die Kamera lachte, „da habe ich deine Oma kennengelernt. Sie hat mir auf den Fuß getreten und sich nicht mal entschuldigt.“

Jonas sah seinen Großvater an. Er hatte ihn noch nie so viel reden hören. Und er hatte ihn noch nie so lächeln sehen.

Die leere Ecke

Auf einer Seite aus dem Jahr 1968 war eine Lücke. Vier Papierecken klebten noch auf dem Karton, aber das Foto dazwischen fehlte. Darunter stand in weißer Tinte nur ein Name: „Klaus“.

„Wer ist Klaus?“, fragte Jonas.

Opa Werner antwortete nicht sofort. Er nahm die Brille ab, putzte sie umständlich mit dem Taschentuch und setzte sie wieder auf. Die Küchenuhr tickte. Draußen schimpfte eine Amsel. Jonas merkte, dass er etwas Falsches gefragt hatte, aber er wusste nicht, was.

„Klaus war mein Bruder“, sagte Opa Werner schließlich. „Mein großer Bruder.“

Jonas wusste nicht, dass Opa einen Bruder gehabt hatte. Niemand hatte ihm je davon erzählt. „Wo ist er jetzt?“

„Er ist gestorben. Mit neunzehn. Ein Unfall mit dem Motorrad, auf der Landstraße nach Baunatal.“ Opa Werner sah auf die leere Stelle im Album. „Meine Mutter hat das Foto danach herausgenommen. Sie konnte es nicht mehr ansehen. Und dann haben wir nicht mehr über ihn gesprochen. So war das damals. Man hat nicht darüber geredet.“

Onkel Klaus

Jonas saß ganz still. Er dachte daran, wie es wäre, wenn seine eigene Schwester Marie plötzlich nicht mehr da wäre, und dann niemand mehr ihren Namen sagen würde. Der Gedanke machte ihm einen Kloß im Hals.

„Wie war er?“, fragte er leise.

Und Opa Werner erzählte. Dass Klaus ihm das Pfeifen auf zwei Fingern beigebracht hatte. Dass er Elvis-Platten gesammelt und sich die Haare mit Pomade nach hinten gekämmt hatte, sehr zum Ärger des Vaters. Dass er einmal einen ganzen Sonntag lang mit Werner einen Drachen gebaut hatte, der dann beim ersten Start in einer Pappel hängen blieb. Dass er Werner verteidigt hatte, als die großen Jungs aus der Nachbarstraße ihn verprügeln wollten. „Er war laut und lustig und ein bisschen leichtsinnig“, sagte Opa Werner. „Und ich habe ihn bewundert wie keinen anderen Menschen.“

Als Sabine am Abend kam, um Jonas abzuholen, saßen die beiden immer noch am Küchentisch. Jonas erzählte ihr aufgeregt von Klaus. Sabine sah ihren Vater überrascht an. „Papa, ich wusste, dass du einen Bruder hattest. Aber du hast nie von ihm erzählt. Nicht ein einziges Mal.“

„Du hast nie gefragt“, sagte Opa Werner. Und nach einer Pause: „Und ich habe es nie angeboten. Das war vielleicht ein Fehler.“

Das digitale Album

In den nächsten Wochen verbrachte Jonas noch mehr Nachmittage bei Opa Werner als sonst. Sie hatten einen Plan gefasst: Sie wollten das Album abfotografieren, damit es nicht verloren ging. Jonas legte jede Seite vorsichtig unter die Küchenlampe und fotografierte die Bilder mit dem alten Handy seiner Mutter. Opa Werner diktierte, was auf den Fotos zu sehen war, und Jonas tippte es mit zwei Fingern ab. Wer war das? Wo war das? Was ist an diesem Tag passiert?

Manchmal wusste Opa Werner es nicht mehr genau, dann rief er seine Cousine Ilse in Göttingen an, die ein noch besseres Gedächtnis hatte als er. Ilse erzählte von Klaus, wie er beim Schützenfest auf die Bühne geklettert war und ein Lied gesungen hatte, ganz falsch und ganz laut. Opa Werner lachte am Telefon, bis ihm die Tränen kamen, und Jonas wusste nicht genau, ob es Lachtränen waren oder andere. Vielleicht beides.

Aus den Abenden wurde eine Datei mit einhundertzwölf Bildern und vielen Geschichten. Sabine druckte sie aus und ließ sie binden. Ein neues Album, mit weißen Seiten und großen Bildern, mit Opa Werners Erinnerungen in Jonas' Worten darunter.

Der Vortrag

Am Tag der Präsentation stand Jonas vor seiner Klasse, das alte Album in beiden Händen. Er erzählte von dem Fahrrad mit den Holzklötzen, von dem Hochwasser, von dem Tanzabend, an dem Oma Helga Opa auf den Fuß getreten war. Die Klasse lachte. Dann erzählte er von Klaus. Von der leeren Ecke, von dem Drachen in der Pappel und von dem Schweigen, das so lange gedauert hatte.

Es war sehr still im Klassenzimmer, als er fertig war. Dann meldete sich Paula aus der ersten Reihe. „Meine Oma hatte auch eine Schwester, die gestorben ist. Aber das weiß ich nur, weil ich mal ein Grab gesehen habe.“ Frau Kühn nickte langsam. „Vielleicht fragt ihr zu Hause mal nach“, sagte sie. „Manchmal warten Erwachsene darauf, dass jemand fragt.“

Als Jonas am Nachmittag zu Opa Werner kam, lag auf dem Küchentisch ein Umschlag. Darin war ein kleines Schwarz-Weiß-Foto mit gezacktem Rand: ein junger Mann mit zurückgekämmten Haaren, an ein Motorrad gelehnt, grinsend. „Hab ich in der Kommode gefunden, in den Papieren meiner Mutter“, sagte Opa Werner. „Sie hat es nicht weggeworfen. Sie hat es nur weggelegt.“

Gemeinsam steckten sie das Foto zurück in die vier Papierecken. Die Lücke war geschlossen. Und Opa Werner sagte, mehr zu sich selbst als zu Jonas: „So. Jetzt ist er wieder dabei.“

Für euren Alltag

Alte Fotos sind mehr als Erinnerungsstücke. Sie sind eine Tür zu Gesprächen, die sonst vielleicht nie stattfinden würden – über Kindheit, über Liebe, über Verluste. Gerade ältere Menschen, die in einer Zeit aufgewachsen sind, in der man über Schmerzliches schwieg, öffnen sich oft erst, wenn jemand mit echtem Interesse fragt. Was Jonas und seinem Opa geholfen hat:

  • Mit einem konkreten Anlass beginnen. Ein Schulprojekt, ein Geburtstag, ein Umzug: Ein äußerer Anlass macht es leichter, die Alben aus dem Schrank zu holen, ohne dass es sich wie ein Verhör anfühlt.
  • Offene Fragen stellen. „Wie war das damals?“ oder „Was ist an diesem Tag passiert?“ führen weiter als Fragen, die man mit Ja oder Nein beantworten kann.
  • Stille aushalten. Wenn eine Frage einen wunden Punkt berührt, braucht die Antwort manchmal Zeit. Nicht drängen, aber auch nicht sofort das Thema wechseln.
  • Gemeinsam etwas daraus machen. Fotos abfotografieren oder einscannen und mit Erinnerungen beschriften: Das schützt die Bilder und gibt Kindern und Großeltern ein gemeinsames Projekt, bei dem jeder etwas beitragen kann.
  • Auch die traurigen Geschichten zulassen. Kinder können mit Verlust und Trauer umgehen, wenn Erwachsene ehrlich und ruhig davon erzählen. Verschweigen schützt sie weniger, als man denkt.
  • Andere Verwandte einbeziehen. Cousinen, Tanten, alte Nachbarn: Jeder erinnert sich an andere Details, und oft entsteht erst im Austausch ein vollständiges Bild.

Zum Gespräch mit euren Kindern

  • Was glaubst du, warum Opa Werner so lange nicht über Klaus gesprochen hat?
  • Gibt es in unserer Familie Fotos, die du gern einmal mit uns anschauen würdest?
  • Wen aus unserer Familie würdest du gern fragen, wie es früher war – und was würdest du fragen?
  • Wie fühlt es sich an, wenn jemand den Namen eines Menschen sagt, den man vermisst?

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